Einstieg
Am kommenden Freitag werde ich mit Sicherheit wieder ein Pärchen treffen. Und er wird mir die Frage stellen: „Dass du dich überhaupt noch her traust, bei dem Wetter!“ Und ich werde ganz blöd-naiv fragen: „Warum?“ Darauf hin wird ein kurzer und ironischer Schlagabtausch hin und her gehen und alles wird gut sein…
HH
15 Tage-Trend für den Norden.
 
Es ist vielleicht eine symptomatische Frage, die ich da gestellt bekomme. Wenn vor allem der Sommer nicht so spurt, wie „man“ es gern hätte und wenn es keinen „Bilderbuchsommer“ gibt, haben Experten keine Ahnung, kein Gefühl und/oder reden alles schön. Zumindest sieht das eine gewisse Spezies so.
Und dabei vergessen wir so schnell. Wir vergessen so schnell, dass es im Frühjahr erhebliche Probleme wegen akuter Trockenheit gab. Und nebenbei war das Frühjahr sonnig und rekordverdächtig warm. Im vergangenen Spätherbst brannten wegen extremer Trockenheit die Bergwälder und nach dem usseligen Juli 2011 folgte extreme Hitze im August, die bis tief in den Herbst ging. Und, ach ja, … da war doch noch das extrem sonnige Frühjahr 2011. Und da waren doch die Sonnenschein- und Hitzerekorde, die sich in den vergangenen 10 Jahren die Klinke in die Hand gaben. Alles vergessen!?
 
Stimmt, das Wetter ist jetzt nicht toll. Ja, es könnte „besser“ sein. Doch es ginge auch noch in eine ganz andere Richtung. Im Juli 1996 schneite es inneralpin bis auf 1000 Meter Höhe herab. Im Jahre 1993 war der gesamte Sommer so wie derzeit. Und da haben wir noch die schauderhaften Sommer 1987 und den Gruselsommer 1980, der Höhepunkt der Unsommer zwischen 1977 und 1981. Wir sprachen bereits darüber.
 
Das aktuelle Sommerwetter gehört sicherlich mit zum ungemütlichsten Drittel des Möglichen bei uns. Nach oben ist sehr viel Spielraum, nach unten aber auch. Nur wird der Spielraum nach unten in der nächsten Zeit nicht (mehr) ausgeschöpft und der nach oben wird beansprucht werden ;).
 
Um den Kreis der eingangs erwähnten Frage zu schließen. Ich werde mich auch weiterhin überall hintrauen, nicht nur trotz, sondern wegen meines Berufes. Und ich stehe zum Wetter, auch wenn es mal nicht den Wünschen (wessen Wünschen?) entspricht. Und auch wenn es bei manchen „Experten“ jetzt „in“ ist, ins Klagehorn zu tuten, lausche ich lieber dem Wind.
FFM
15 Tage-Trend für die Mitte.
 
Und der übers Land wehende Wind, der die Bäume rauschen und die Wälder raunen lässt, wird uns noch ein wenig begleiten, ehe vom Atlantik ein Hoch reinschwenkt. Und mit „draußen“ in der Überschrift meinte ich übrigens den Atlantik. Es tut sich nämlich was in der Wetterküche. Mittelfristig geht es deutlich aufwärts, so dass die Landwirte das reife Korn einholen können und der zweite Grünlandschnitt durchgeführt werden kann.
Damit werden wir am Wochenende die Talsohle des Julis, vielleicht sogar des Sommers, durchschritten haben. Dann sind wir jenseits des Tales angekommen ;). Wobei mir offen gestanden mulmig wird, wenn ich Talsohle des Sommers sage. Das Muster ist mir zu eingefahren und eine Wiederholung der jetzigen Witterung halte ich für wahrscheinlicher als eine wochenlange Dauerhitzeperiode. Das aber nur am Rande.
 
Widmen wir uns in dieser Kolumne ein wenig mehr der Landwirtschaft und der Freizeitgestaltung. Das reife Korn wurde bisher und wird auch noch die Tage vom Wind durchgerüttelt und wogt so vor sich hin. Und die Ernte wartet. Auch die Grünlandwiesen wollen gemäht werden.
In Sachen Freizeit, gerade in den Ferienbundesländern, hofft man mal auf Freibadwetter und längere trockene Perioden für Feiern, fürs Grillen und die Radfahrer wollen auch mal ohne Wind vorwärts kommen.
 
Schauen wir dazu auf die 15 Tage-Trends für den Norden, die Mitte und den Süden Deutschlands, den westlichen und östlichen Alpenraum. (Erklärung 15-Tage-Trend: Die Grafiken stellen zweierlei dar: 1. Den möglichen Temperatur-Verlauf in 1500 Meter Höhe sowie die möglichen Regen- und Schneemengen bzw. deren Wahrscheinlichkeit, die man da herauslesen kann. Die obere, dicke weiße Linie zeigt den Durchschnitt aller Modell-Läufe für die Temperatur in 1500 Meter Höhe und ist ein guter Trendsetter. Die dicke rote Linie stellt das langjährige Mittel dar. Die dünnen weißen Linien repräsentieren die jeweils mildesten und kältesten Ausreißer. 
Die unteren Linien zeigen die Niederschlagsmengen innerhalb von 6 Stunden in Liter pro Quadratmeter. Die dicke weiße Linie zeigt ebenfalls den Schnitt aller Modelle, die dünnen Linien zeigen die nassesten (niederschlagsträchtigsten) Ausreißer.)
 
Süddeutschland und der östliche Alpenraum „schwingen“ mit ähnlichen Kurven Richtung August. Nach dem aktuellen Tal klettern wir hier kurz auf einen Berg, dann geht’s wieder runter, ehe die Linie in den Bereich des langjährigen Mittels bzw. auch mal knapp darüber liegt. Parallel dazu werden zwischen dem 23. und dem 25. Juli mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit trockene Tage simuliert. Das sind die Tage des Übergangs zwischen kühl und wieder wärmer.
MUC
15 Tage-Trend für den Süden.
 
Im Norden und in der Mitte ist das Gependel zwischen wärmer und kühl nicht ganz so ausgeprägt. Dafür erwartet uns hier nach dem 22. wohl eine insgesamt längere trockene Phase. (Um den Westen und Osten nicht ganz außen vor zu lassen und zumindest noch zu erwähnen: Die 15 Tage-Trends gleichen hier ungefähr denen aus Nord und Mitte.)
 
Im Anschluss gibt es bei all den bisher erwähnten Trends eine Seitwärtsbewegung bei der Temperatur. Der Rahmen zwischen den wärmsten und den kühlsten Läufen nimmt deutlich zu und liegt bei rund 17, 18 Grad. Darauf werde ich gleich noch zu sprechen kommen was das bedeutet bzw. bedeuten kann.
 
Im westlichen Alpenraum befinden wir uns eher in einer Außenseiterposition. Hier kommen wir aus gar keinem Tal, sondern besteigen einen Berg, rutschen dann in Richtung Schnitt, ehe es wieder überdurchschnittlich warm weitergeht. Erst Richtung August-Start geht es einen Hauch nach unten. Parallel besteht immer eine latente Regenwahrscheinlichkeit. Am niedrigsten ist sie aktuell und auch um den 23., 24. Juli herum.
 
Nach dem kurzen Sommerintermezzo am Mittwoch mit viel Sonne und trockenem Wetter in der Südwesthälfte Deutschlands, in der Schweiz und in Österreich erwarten uns am Donnerstag schon wieder Schauer und Gewitter. Das Risiko ist in der Ostschweiz, im Süden Bayerns und bis zum Abend in weiten Teilen Österreichs am höchsten.
Nördlich der Mittelgebirge sind am Mittwoch noch dichte Wolken mit Regen unterwegs. Diese ziehen sich in die Gebiete östlich der Elbe zurück und machen es hier nass. Und auch am Donnerstag bleibt es nördlich der Mittelgebirge wechselhaft.
 
Damit sollte das Heu bis möglichst am Mittwochabend oder zeitig am Donnerstag eingeholt werden. Es können jedoch schon in der Nacht auf Donnerstag erst lokale Schauer und Gewitter durchziehen! Was am Donnerstag allerdings abermals fies sein wird ist der Wind! Dieser jagt erneut stark bis stürmisch übers freie Land. Das ist nicht so das ideale Dresch- und Heuwetter! Warten Sie lieber ab!
Genf
15 Tage-Trend für den westlichen Alpenraum.
 
Von Freitag bis Sonntag nimmt das Schauer- und Gewitterrisiko von Norden her peu á peu ab. Die Sonne setzt sich immer besser durch und ein Hochkeil schiebt sich von Westen her rein, so dass auch der lästige Wind abflaut.
Anschließend versprechen uns der Montag und der Dienstag viel Sonnenschein und zunehmend hochsommerliche Temperaturen! Es geht dann verbreitet auf um und über 25 Grad. Wahrscheinlich werden wir auch die 30 Grad-Marke erreichen. Wichtig dazu: Meist haben wir wenig Wind, viel Sonnenschein und trockene Luft.
 
Schönheitsfehler könnte es am Dienstag in und an den Alpen in Form von Schauern und Gewittern sowie im Küstenbereich mit dem Hereinschwenken einer Front geben. Außerdem wird es im nördlichen Drittel Deutschlands am Dienstag wieder windig!
 
Diese Tage sollten Sie für die Ernte wirklich und gut nutzen! Es sind die Tage mit der höchst möglichen Trocken-, Sonnen- und Wärmewahrscheinlichkeit! Danach sieht es zwar auch nicht so schlimm und schlecht aus, doch das ist zu unsicher. Wir müssen angesichts einer Prognose von mehr als 7 Tagen dann von Wahrscheinlichkeiten sprechen.
 
Dieses eher sommerliche (Ernte)Programm verdanken wir einer Verlagerung des Azorenhochs. Es liegt nicht mehr ganz so weit westlich und südlich und dehnt sich weiter nach Norden und Osten aus und bildet gleichzeitig Ableger die zu und über uns ziehen. (Das ist derzeit ein mitteleuropäischer West-Sommer wie aus dem Lehrbuch!)
 
Im weiteren Verlauf – und jetzt komme ich wieder auf die 15 Tage-Trends zu sprechen – weicht das Azorenhoch wieder ein bisschen nach Südwesten. Und hier stellt sich die Frage: Hält die Hochdruckbrücke zwischen dem Azorenhoch und einem eigenständigen Hochkern über dem östlichen Mitteleuropa oder wird das Ganze wieder porös und die Tiefs rutschen um das Azorenhoch nach Mitteleuropa und setzen die eher wechselhafte Witterung fort.
Wien
15 Tage-Trend für den östlichen Alpenraum.
 
In den Einzelläufen der 15 Tage-Trends ist das schön erkennbar! Die wärmsten Läufe saugen mit einem recht starken Hoch über Mittel- und Osteuropa wärmere Luft aus Süden an. Die kältesten Läufe lassen die Tiefs erneut voll durchziehen samt kalter Meeresluft vom Nordmeer. Der Rest liegt logischerweise dazwischen.
Kritiker könnten jetzt sinngemäß sagen: Also nichts Genaues weiß man nicht. Ich sehe das etwas anders ;), denn: Die Grundstruktur der Großwetterlage bei uns bleibt ähnlich. In den Videokolumnen habe ich das auch immer wieder mit der gemittelten Großwetterlage angedeutet. Und morgen Nachmittag gibt es hierzu ein Update.
 
Halten wir also fest: Der Sommer versucht es und er schafft es, wenn auch „sicher“ nur für ein paar Tage, beginnend am Wochenende. In der Landwirtschaft werden diese Tage arbeitsintensiv und dringend gebraucht. In Sachen Freizeitgestaltung lege ich Ihnen ans Herz diese Tage voll auszunutzen! Es gibt eine Hand voll Sommer!
 
Mehr ist mit der aktuellen Großwetterlage (noch) nicht drin. Und schaut man sich die Berechnungen des CFS an, dann folgt bis weit in den August hinein sommerliches oder hochsommerliches Wetter häppchenweise. Hitze wie 2003, 2006, 2010 oder auch ab Mitte August 2011 stehen derzeit nicht zur Debatte.
Da sich an der Grundstruktur wenig ändert, bedeutet das jedoch auch, dass sich die gewaltige Hitze von den Kanaren bis Spanien und von Griechenland bis in die Türkei fortsetzt.
 
Die letzte Karte zeigt die gemittelte Temperatur-Verteilung Anfang August. Blau ist die 5 Grad-Isotherme (Linien gleicher Temperatur in 1500 Meter Höhe.), grün die 10er, orange die 15er, rot die 20er und violett die 25er. Wenn wir auf die jeweiligen Linien PI mal Daumen 15 Grad draufrechnen, haben wir gemittelte Höchstwerte. Bei Wolken und Regen sind es ein paar Grad weniger, bei Dauersonnendröhnung und Trockenheit ein paar Grad mehr.
TEmp
Die gemittelte Temperatur-Verteilung über Europa Anfang August.
 
Ganz zum Schluss etwas zu den in Facebook rumgeisternden Bildern, bei denen ich schallend lachen musste! Einmal gibt es da den Spruch: „Morgen soll es 16 Grad geben. Vor Freude ist mir fast der Glühwein aus der Hand gefallen!“ Und: „Es folgt der Wetterbericht. Diese Sendung ist für Zuschauer für unter 16 Jahren nicht geeignet.“ Was ich mich allerdings da frage: Liegt es am Inhalt oder an der Moderation… ;).
 
(Alle Bilder/Grafiken: Kai Zorn)