Eroeffnung

Am vergangenen Samstagabend hatte ich ein paar Freunde zu Besuch, unter anderem Ricardo. Ricardo hat einen Hausmeisterservice und war froh, dass er seit einiger Zeit endlich seine Ruhe hat. Wir saßen lustig beisammen, als das Handy piepste: „Wenn du noch Zeit hast, gib dir 12z… Irre :-)“ Ich schlich mich schnell davon und überflog den neuen Lauf des amerikanischen GFS-Modells, das bekanntermaßen bis zum 16. Tag im Voraus rechnet. Ich schluckte ganz schön und setze mich wieder in die heitere Runde und kommentierte nur: „… Wenn ich rein theoretisch den aktuellen Lauf einfach nur eins zu eins interpretieren müsste, dann stünde uns (in Alpennähe) die schneereichste Zeit des Winters nach Ostern noch bevor.“ Ricardo wurde blass, die anderen auch. Ich beschwichtigte schnell wieder und sagte, dass das eh nicht so käme und gut war…

In mir drin war es allerdings nicht ruhig. Zu späterer Stunde und am nächsten Tag gab es längst neue Modell-Berechnungen und die extrem kalte und schneereiche Lage für die Zeit nach Osten war längst schon wieder weggerechnet. Statt Dauerfrost und Schneetreiben wurden Sonnenschein und über 20 Grad simuliert. Das übliche Geplänkel der Wetterkarten weit jenseits der „seriösen“ Zeitraums, oder…?

Maerz-bisher
Die Abweichungen des März´ in Grad Celsius bis zum 24., bezogen auf das Gesamtmonatsmittel der Jahre 1961-90.

Nun erleben wir aber derzeit in den Wetterkarten etwas, das man sonst aus den vielen und anhaltenden Warmzeiten der vergangenen Jahre kennt. Spontan fällt mir da beispielsweise der furztrockene November 2011 ein. Hier sollt es nach den Wetterkarten schon Mitte des Monats unbeständig werden. Mit jedem Modelllauf zögerte sich die Änderung nach hinten raus und der trocken-milde Hochdruck setze sich den ganzen Monat über fort.
Ein ähnliches Phänomen gibt es jetzt: Der Frühling samt milderer Luft wird zwar berechnet, aber er kommt nicht wirklich – und schon gar nicht überall…

Zeigten vor kurzem die 15 Tage-Trends für den Süden ab Ostern Luftmassentemperaturen von 5 Grad über dem langjährigen Mittel, so liegen die Temperaturen aktuell „nur“ im Schnitt und die Ausreißer nach unten nehmen zu. Für den Norden schaut es noch drastischer aus. Hier gibt es sogar gut die Hälfte an Modellberechnungen, die den zähen Spätwinter einfach weiterlaufen lassen wollen. Zwar nicht mehr auf diesem Eisniveau wie derzeit, dafür aber auch kein Frühling.

Dem SMS-Schreiber von Samstagabend sprach ich heute Mittag auf die Mailbox. Er möge ich doch einmal den neuen Lauf des GFS reinziehen… Dieser Lauf, ein einzelner Geselle auf weiter Flur, hat wieder die Idee eines Dauerwinters nach Ostern mit hohen Schneemengen im Südosten Deutschlands samt Dauerfrost…

Fruehling
Die Abweichungen in Grad Celsius der Frühjahrsmonate März, April, Mai, jeweils bezogen auf das Frühjahrsmittel der Jahre 1961-90.


So, genug der Worte aus dem Wetterkarten-Nähkästchen. Machen wir es kurz und schmerzhaft: Vergessen wir die vergangenen Jahre einfach mal und finden wir uns damit ab, dass wir in diesem Jahr einfach mal keine Wärmerekord-Jagd haben! Der Norden und Osten erlebt in diesem März einen Rekord nach dem anderen. Einerseits haben wir hier eine Kälte wie seit März 1845 nicht mehr, andererseits wurden zahlreiche Dekadenrekorde von Wetterstationen regelrecht pulverisiert und um viele Grade unterboten. Da die meisten Wetterstationen nur ein paar Jahrzehnte zurückreichen ist das auch nicht sooo besonders. Die Giga-März-Kälte-Schocker von 1845 und 1785 waren noch einmal eine ganz andere Baustelle! Aber nichts desto trotz wird der März hier in einigen Regionen zu den kältesten März-Monaten aus rund 250 Jahren gehören.

Vergessen wir dabei aber nicht, dass das Pulverisieren der Kälterekorde ein Witz gegen das Pulverisieren der Wärmerekorde aus den vergangenen Jahren ist. Die letzte große Wärme-Attacke fand Ende April im Süden bzw. Mitte August 2012 in der Mitte und im Norden statt. Ganz zu schweigen von der immensen Weihnachtswärme…

Und der Süden Deutschlands braucht sich in Sachen Kälte gar nicht beschweren. Hier ist es etwas kälter als „normal“, aber bei weitem nicht so eisig wie in der Nordosthälfte. In den südlichen Gefilden ist es einfach mal so wie es früher einmal üblich war.

Diesbezüglich sollten wir die Kirche wirklich im Dorf lassen. Es ist kalt, ja, es ist auch nicht jedes Jahr üblich, aber besonders im Süden ist das durchaus im Rahmen. Vor dem Klimasprung im September 1987 war es normal, dass man Ende März zum Skifahren gegangen ist. Da hörte man so stimmen wie: „Der Winter war schön. Ich freue mich jetzt aber auch bald auf den Frühling.“ Und der Frühling kam eben im Laufe des Aprils irgendwann mit dem richtigen Durchbruch im Mai.
Durch die extreme Wärme der vergangenen Jahre soll der März nun das liefern was der Mai eigentlich sollte…

Während der Norden in den kommenden Tagen langsam auftaut, bekommt der Süden am Dienstag den Höhepunkt der Spätwinterkälte für Ende März zu spüren. Im Süden Baden-Württembergs und Bayerns schneit es länger und kräftig. Hier erleben wir das, was der Norden und Osten schon hinter sich hat. Sonst schneit es nur vereinzelte und vor allem im Westen und Norden kommt auch mal die Sonne zum Zuge.
Mit minus 4 bis plus 5 Grad bleibt es kalt. Der eisige Nordost- bis Ostwind lässt etwas nach und ist nicht mehr ganz so fies wie zuletzt.
GFS-kalt
Die Berechnungen des GFS von Samstagabend und Montagmittag für das erste April-Wochenende.


Am Mittwoch und am Gründonnerstag ziehen sich die Wolken mit etwas Schnee langsam in die Nordosthälfte zurück. Hier bleibt es eher spätwinterlich. Der Rest bekommt immer mehr Sonne und die Temperaturen steigen an. Am Donnerstagnachmittag erwarten uns zwischen der Eifel und dem Süden Bayerns voraussichtlich ein paar Regenschauer.
Die Höchstwerte erreichen am Mittwoch minus 2 bis plus 8, am Donnerstag null bis 12 Grad, jeweils von Nordost nach Südwest.

Die Osteraussichten von Karfreitag bis Ostermontag sind erstens nicht das gelbe vom österlich (eingeschneiten) Ei und zweitens noch völlig offen. Das einst einmal für sehr milde Luft offensive GFS hat einen großen (Wärme)Rückzieher gemacht und die anderen Modelle sahen ohnehin nicht so irrsinnig mild aus, obwohl auch diese einmal wärmer waren. Die aktuelle GFS-Berechnung sieht zwar freundlicher aus, ist dafür jedoch kühl bis kalt mit Nachtfrost und meist einstelligen Höchstwerten. Die anderen Modelle sehen es eher nass mit einem spätwinterlich angehauchten Norden und einen allenfalls nass-kalten Frühlings-Süden.

Ungeachtet aller Modell-Spiele vertrat ich seit eineinhalb Wochen die Prognose 5 bis 15 Grad und wechselhaft mit Schauern an Ostern, vor allem im Norden auch mit (oder als) Schnee. Wahrscheinlich wird es so ähnlich werden.
gemittelt
Die gemittelte Großwetterlage für das erste April-Wochenende.


Im Anschluss, also nach Ostern, kämen wir auch nicht so richtig in die warmen Zonen der Wettersysteme. Mehr als Durchschnitt scheint erst einmal nicht drin zu sein. Und da der Durchschnitt auf den Zeitraum 1961-90 bezogen ist, heißt das für uns einfach (viel) zu kalt. Der letzte wirklich kalte Frühling liegt 17 Jahre zurück, der letzte durchschnittliche Frühling 7 Jahre. Wir sind so was nicht mehr gewöhnt.

Ungeachtet der Auswirkungen und der bei vielen langen Gesichtern, die sich – übrigens genau wie ich (!!) – Sonne und wärmere Temperaturen wünschen, muss ich gestehen: Die Wetterlage ist rein synoptisch gesehen einfach nur irrsinnig spannend und wir werden uns die Tage damit weiter und ausführlich beschäftigen – sowohl in schriftlicher Form als auch als Video und in Kürze wohl auch mit einem Studiogast.

Das Wetter bleibt ein Krimi, oder – wie andere sagen – kriminell, kriminell kalt… ;-)!

(Alle Bilder/Grafiken: Kai Zorn)