Sprossen (Bild: dapd)

Binnen zwei Monaten starben 53 Menschen an den Folgen einer Infektion mit dem Darmkeim, knapp 4.000 erkrankten zum Teil schwer. Wochenlang suchten Experten vergeblich nach der Infektionsquelle, die sich schließlich als Sprossensamen aus Ägypten herausstellte. Bis heute leiden die Sprossenhersteller in Deutschland unter der Krise.

Der Jahresumsatz von zehn Millionen Euro bei den betreffenden Produkten sei "massiv eingebrochen", sagte Jochen Winkhoff vom Zentralverband Gartenbau (ZVG) der Nachrichtenagentur dapd. "Das Vertrauen in die Produkte ist bei den Verbrauchern nicht mehr da." Das könne noch ein bis zwei Jahre dauern.

Zunächst waren Gurken aus Spanien ins Visier geraten: Auf dem Hamburger Großmarkt wurde bei mehreren aus Spanien kommenden Gurken der Erreger festgestellt. Spanische Produkte wurden daraufhin in vielen Geschäften aus dem Sortiment genommen, was beinahe zu einer politischen Krise zwischen Deutschland und Spanien führte.

Als sich herausstellte, dass Erkrankte besonders häufig Tomaten, Salat oder Gurken gegessen hatten, warnten das Robert Koch-Institut und das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) insbesondere Menschen in Norddeutschland - dort verbreitete sich EHEC vor allem - vor dem Verzehr dieser Produkte. Der Umsatz brach kurzfristig ein. Der Deutsche Bauernverband (DBV) bezifferte den Gesamtschaden auf 75 Millionen Euro.

RKI-Präsident Reinhard Burger verteidigte im dapd-Interview die damalige Warnung. Viele Menschen seien schwer erkrankt, einige gestorben, sagte er. Deshalb sei es absolut angebracht gewesen zu warnen, "soweit man es eben eingrenzen konnte zu diesem Zeitpunkt", sagte er. Relativ schnell, in weniger als drei Wochen, habe man die Warnung fokussieren können auf die Sprossen.

Nach der Entwarnung habe sich die Lage bei den Tomaten schnell wieder entspannt, sagte der Marktexperte von der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI), Hans-Christoph Behr. Im September sei das Thema endgültig "gegessen" gewesen. Die Sprossen dagegen seien den Verbrauchern negativ im Gedächtnis geblieben. Der Geschäftsführer des Hamburger Sprossenerzeugers Deiters und Florin, Norbert Deiters, spricht von einem Umsatzrückgang in seinem Unternehmen von 40 Prozent. "Die Warnung hätte nicht pauschal auf alle Sprossen bezogen sein dürfen", kritisierte er. Deiters hat Schadenersatzklage gegen die Bundesrepublik eingereicht und fordert einen Betrag im siebenstelligen Bereich, wie er sagte.

Mit dem EHEC-Erreger des aggressiven Typs 0104:H4 infizierten sich überwiegend Erwachsene - EHEC trifft üblicherweise Kinder. Von den an EHEC-Gastroenteritis Erkrankten starben 18 Menschen, von denjenigen, die in Folge von EHEC am hämolytisch-urämischen Syndrom erkrankten, 35.

RKI-Präsident Burger betonte, dass eine gewisse Zahl von EHEC-Infektionen in Deutschland ganz normal sei. Pro Jahr ereigneten sich etwa 1.000 Infektionen, davon verliefen 60 bis 70 Fälle schwer. Im Unterschied zu dem Ausbruch im vergangenen Jahr gebe es dabei aber nicht nur eine Infektionsquelle, auch die Erreger, die man finde, unterschieden sich. "Das war das Ungewöhnliche", sagte Burger in Bezug auf die Ereignisse im Sommer 2011.

Künftig, sagte er, wäre es gut, früher informiert zu werden. Dies erfordere nicht nur die rasche Meldung von EHEC-Fällen, sondern auch eine entsprechende Diagnostik, bei der rasch erkannt werde, dass der gleiche Erreger bei verschiedenen Patienten oder an verschiedenen Orten aufgetreten sei.

Grundsätzlich beschrieb er das Krisenmanagement vor einem Jahr als gut. Natürlich könne es immer optimiert werden, "aber ich sehr auch im Rückblick keine großen Mängel", betonte Burger.