iglu dapd
...dass wir die im Tal hängende Wolkendecke fast so deutlich erkennen, wie während der Abfahrten am Nachmittag. Solche Konditionen, sagt Patrick zu Beginn unserer Schneeschuhwanderung, gebe es hier oben nicht gerade oft.

Wir befinden uns in knapp 2.000 Metern Höhe am Saanerslochgrat in der Schweizer Ferienregion Gstaad-Saanenland. Bei minus 15 Grad. Ohne Wind. Und ohne Zivilisationsgeräusche. Während die hart gefrorene Unterlage knirscht, bewegen wir uns langsam auf einen Abgrund zu. "Wer will", sagt der Student aus Bern, "kann mal versuchen, hier wie auf Skiern herunterzugleiten." Nachdem der erste Hasardeur den Hang in der Haltung eines Pinguins auf dem Bauch hinunterrutscht, finden sich keine weiteren Freiwilligen. Der Rest der Gruppe entscheidet sich für einen entschärften Umweg.

Einmal pro Woche, sagt Patrick, reist er aus Thun zu seinem hoch gelegenen Arbeitsplatz, um in den Genuss der Stille und des nächtlichen Blicks auf die Gipfel zu kommen. So erhaben wie heute aber hat auch er das Alpenpanorama noch nicht erlebt. Dennoch gebe es für jeden Besucher einen Grund, bei Neumond wiederzukommen. Denn erst bei absoluter Finsternis entfalte der Sternenhimmel seine volle Wirkung. Heute, meint der 23-Jährige, wirke das Firmament fast banal. Lediglich Orion und der Große Wagen strahlen hell genug, um sich abzusetzen.

Gangster-Rap im Iglu-Dorf

Von der Bewegung aufgewärmt, stapfen wir nach einer knappen Stunde zurück zu unserem Domizil. Auch hier ist es frostig, denn wir nächtigen in einem Iglu-Dorf. In der Bar, deren Innenwände mit Eis-Skulpturen verziert sind, läuft Gangster-Rap aus Kalifornien. Hier trinken wir Tee und Glühwein, bis Patrick das Käsefondue hergerichtet hat. Bevor es ins Bett geht, unterziehen wir uns einem erneuten Ritual: Nur in Badehosen gekleidet, schreiten wir barfuß durch den Schnee, um unter freiem Himmel in den Whirlpool zu klettern. Nach einem Saunagang sind wir dann so weit aufgewärmt, dass wir uns in unsere Expeditionsschlafsäcke begeben. Eine dünne Matratze und Tierfelle trennen uns von einer eisigen Unterlage.

Als wir den vergänglichen Palast am Morgen verlassen, haben sich die Nebelschwaden aus dem Tal verzogen. Die Piste hinunter nach Saanenmöser ist noch jungfräulich - der perfekte Auftakt zu einem Tag im weitläufigen Skigebiet von Gstaad. Wir genießen die meist breiten Abfahrten. Wir staunen über die aufwendig gekleideten Zaungäste, die eine Gondelfahrt zur Hütte nur deshalb auf sich nehmen, um gesehen zu werden. Und wir sind überwältigt, als wir vom Rinderberg aus die mythenumrankten Gipfel von Eiger, Mönch und Jungfrau erspähen.

Mondänes Kontrastprogramm

Nach der Nacht in der Kältekammer steht uns der Sinn nach einem Kontrastprogramm. In Gstaad treffen wir Ruth Annen, die uns die palastartigen Hotels zeigt, die auf den Flanken der Berge über der Stadt thronen und ihren Status als Nobelherbergen durch verspielte Ecktürme noch unterstreichen. In dem 7.000-Einwohner-Ort, sagt Ruth Annen, dreht sich niemand um, wenn ein Rolls Royce vorbeifährt. Und sie hat sich auch daran gewöhnt, dass die Fußgängerzone als Laufsteg für die Schönen und Reichen dient.

Diese Glitzerwelt schaut sich Ruth ganz gerne an, aber sie ist froh im nahen Lauenental zu leben. "Das", sagt die Landwirtin, "wird hier als Ende der Welt bezeichnet." Nur eine Straße führt in das zwischen sanft ansteigenden Bergen gelegene Tal. Hinter dem gleichnamigen Dorf breitet sich ein See aus. Und dann ist Schluss. Vom Trubel des mondänen Gstaad merken die Talbewohner nichts: "Hier ist alles ursprünglich geblieben." Lauenen, ja, das sei immer noch ein Kraftort.

Vor rund 80 Jahren hat Ruths Großvater hier die Funi entwickelt, einen Vorläufer des modernen Skilifts. Ruth selbst lenkt aus ihrer Heimat die Geschicke ihres Hofes und ihrer Familie, die vier Kinder und acht Enkel zählt. "Ich bin hier aufgewachsen und ich habe im Tal geheiratet", sagt sie. "Ich könnte mir nicht vorstellen, irgendwo anders zu leben."

Als wir den Wanderweg begehen, der weiter ins Tal hineinführt, beginnen wir zu verstehen: Kleine Waldstücke wechseln sich mit Abschnitten ab, die an einem mit Eisrosen zugewachsenen Bach entlangführen. Am Ufer des zugefrorenen Sees ziehen Langläufer ihre Runden. Und in nicht allzu großer Entfernung erhebt sich ein Bergmassiv. Viel erhabener wird eine Winterlandschaft nicht.

Käsefondue an Ende der Welt

Am Abend erkunden wir das Terrain erneut - an Bord eines Pferdeschlittens. Diesmal trotzen wir unter dicken Decken der eisigen Kälte. Wir nehmen Kurs auf das "Mattestübli", das wir nach rund 45 Minuten erreichen. Die Hütte hält genau das, was Ruth uns versprochen hat: Sie wirkt, als stünde sie am Ende der Welt. Hier erhalten wir ein vorzügliches Käsefondue, für das Patronin Veronika Brand eine persönlich komponierte Zutatenmischung verwendet.

An einem anderen Tisch fällt später ein Wort, das wir schon einmal gehört haben. Bei hausgemachtem Mandelkuchen lernen wir, dass der Kraftort mehr ist als nur eine Worthülse. Ein paar Lauener erklären, dass schon die Vorfahren der Talbewohner zu ergründen versucht haben, warum sie in ihrer Heimat so viel Energie verspüren. Auf dem Rückweg im Schlitten einigen wir uns darauf, dass wir nicht für alles eine Erklärung benötigen - und blicken auf die Berge, die vom Mond beleuchtet werden.
 
 
dapd/öt