Tacho (dapd)
Die Glocken des Osnabrücker Doms schlagen sechs Mal, als er mit seiner neongelben Weste vom Domvorplatz die letzten Meter gen Rathausplatz fährt. Genauso war es geplant, als er am 29. September 2011 um 8.00 Uhr zu einer Weltreise aufbrach und fünf Kontinente durchquerte. "Damals war es nur sehr viel wärmer", erinnert sich der emeritierte Philosophie-Professor.

Der Kopf des 66-Jährigen ist hochrot, als er unter dem Beifall von 50 Angehörigen, Freunden und Bürgern vor seiner Ehefrau Gertrud zum Stehen kommt und sie umarmt. Der Pensionär ist überwältigt. Tränen rollen unter seinen runden Brillengläsern die Wangen herunter. In diesem Moment erfüllt sich sein Lebenstraum. Wie ein Tour-de-France-Sieger streckt er die Arme in die Luft.

Der einzige Unterschied ist, dass seine Tour Tausende Kilometer länger und damit eine "Tour du Monde" war, wie er seine Weltreise gerne nennt. Seine auf der Fahrt von Sponsoren akquirierten Spenden in Höhe von 41.000 Euro kommen nicht ihm zugute, sondern der Aidshilfe für Afrika und dem Projekt "Cuenca - El Arenal", das armen Kindern in Ecuador hilft.

Die letzte Etappe von Petershagen im nordöstlichen Nordrhein-Westfalen hat er genauso generalstabsmäßig geplant wie seine komplette Reise. "Für die letzten 100 Kilometer habe ich ausgerechnet, dass ich bei Gegenwind 18 Stundenkilometer fahre, dann bin ich um 18.00 Uhr am Rathaus in Osnabrück", sagt er. Dabei war Lenzens Fachgebiet an der Uni Osnabrück nicht Mathematik, sondern angewandte Ethik und Philosophie des Geistes.

Von seinen Gefühlen auch eine Stunde nach der Ankunft immer noch völlig überwältigt, erzählt er, wie die Anspannung mit jedem Kilometer wuchs, die er seinem Heimatort näher kam. "Es war schon erhebend, bei Passau die Grenze nach Deutschland zu überfahren, dann kam die Landesgrenze von Sachsen zu Niedersachsen und heute schließlich der Landkreis und die Stadt Osnabrück." Beim Ortseingangsschild habe er sogar absteigen und ein Erinnerungsfoto machen müssen.

Als er in der Einsamkeit Tausende Kilometer von zu Hause entfernt durchschnittlich acht Stunden täglich im Sattel saß, hat er viel über sich gelernt. "Die wichtigste Lehre aber war, wie sehr ich die Heimat, Freunde und Familie vermisse. Das hätte ich selbst nicht für möglich gehalten", sagt der passionierte Ausdauersportler. Nachdem der erfahrene Triathlet schon Herausforderungen wie einen vierwöchigen Trip mit dem Fahrrad quer durch Amerika hinter sich gebracht hatte, dachte er sich, dass die Weltreise die "logische Fortsetzung" wäre.

Seine Abenteuer, die er auf der Reise quer durch die fünf Kontinente Europa, Afrika, Australien, Amerika und Asien erlebte, will er jetzt in einem Buch niederschreiben. Er wird dort beschreiben, wie er mit seinem mit 40 Kilo Gepäck beladenen Fahrrad bis auf 4.500 Meter Höhe die Anden hochfährt und auf dem Pass bei Minus sieben Grad Celsius zelten muss. Er wird von der schockierenden Armut der Leute in den Slums berichten und wie "Wolfis World Traveller" - so nennt er sein Gefährt liebevoll - ihn mit nur wenigen Reifenpannen und einem Kettenriss in Südafrika durch die Welt trug.

Damit aber nicht genug: Seine Abenteuer brachten den Großvater von sechs Enkeln schon wieder auf die nächste Idee. Da er im Januar während der Zeit der Australian Open zufällig in Melbourne und im August während der US Open zufällig in New York war, will er auch noch zu den letzten beiden Grand-Slam-Turnieren mit dem Fahrrad fahren. Somit steht vielleicht schon im kommenden Mai eine Radtour nach Paris zu den French Open und einen Monat später eine Fahrt zum prestigeträchtigsten Tennisturnier der Welt nach Wimbledon in London auf dem Programm.
 
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