Invasion der Pflanzen
Bisher wurde in Deutschland wenig unternommen, um invasive Arten zu stoppen. Nun jedoch wurde im Unabhängigen Institut für Umweltfragen (UfU) in Halle eine neue Einrichtung etabliert: Die Koordinationsstelle für Invasive Neophyten, kurz „Korina“. Sie untersucht, wie sich fremde Pflanzen, die so genannten Neophyten, in den Schutzgebieten Sachsen-Anhalts ausbreiten und berät bei ihrer Beseitigung. Ein lokales Engagement, das auch auf Bundesebene gut ankommt. So gut, dass „Korina“ inzwischen zum ausgewählten Ort im Land der Ideen 2012 gekürt worden ist.

Der Riesenbärenklau ist eine wunderschöne Pflanze. Doch der Schein kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das einst aus dem Kaukasus eingeführte Gewächs gefährlich ist. Die Pflanze kann leicht ihr Umfeld überwuchern. Hinzu kommt die von ihr ausgehende Gesundheitsgefährdung. Gerät die menschliche Haut mit ihrem Saft in Kontakt, sind Verbrennungen die Folge. Deshalb wird sie inzwischen allerorten bekämpft. Doch das ist schwer, denn ein Blütenstand kann bis zu 50.000 Samen bilden, die bis zu sieben Jahre im Boden keimfähig bleiben können.

Dieser lange Atem ist es, der Katrin Schneider von der Koordinationsstelle „Korina“ in Halle zu schaffen macht: „Viele invasive Neophyten muss man über lange Zeit bekämpfen“, sagt die Biologin. Doch da liegt die Schwierigkeit, denn Projekte sind oft begrenzt und haben so keinen nachhaltigen Effekt für die Eindämmung. Zudem werden solche Aktivitäten von diversen Einrichtungen durchgeführt, die mitunter nichts voneinander wissen.

An dieser Stelle will die neue Koordinationsstelle positiv einwirken: „Wir verstehen uns als Anlaufstelle für alle Einrichtungen, so etwa Umweltämter, aber auch für Firmen, die mit der Beseitigung der Pflanzen beauftragt werden“, sagt Biologin Schneider. Nur so kann es gelingen, aggressive Arten wie den Riesenbärenklau dauerhaft einzudämmen und die Artenvielfalt zu sichern.

Schneider, die einst zum Studium nach Halle kam und inzwischen dort heimisch geworden ist, bezeichnet sich selbst als „große Naturliebhaberin.“ Die Landschaft entlang der Saale hat es ihr besonders angetan. „Insofern kommt es mir sehr entgegen, dass ich auch beruflich viel in der Natur unterwegs bin“, sagt sie. Gemeinsam mit ihrer Mitarbeiterin sucht siedie Schutzgebiete nach Eindringlingen aus dem Pflanzenreich ab. So hat das Team inzwischen die Standorte des Riesenbärenklau und anderer invasiver Neophyten erfasst , kartiert und in eine Datenbank aufgenommen. Sie ist nun auch online unter www.korina.info abrufbar und soll das Informationsdefizit ausgleichen“, sagt Schneider. Denn nicht nur Ämter sind mit den aggressiv wachsenden Pflanzen-Fremdlingen überfordert. Nicht selten sind es auch die Bürger. Gerade ahnungslose Kleingärtner tragen zur Verschärfung der Situation bei. Sie wollen, dass ihr Garten schnell grün und dicht ist und pflanzen schnell wachsende Arten. – Ohne jedoch zu wissen, dass beliebte Turbo-Gewächse wie etwa Staudenknöterich oder Topinambur ebenfalls als invasive Neophyten gelten.

Daher ist es erklärtes Ziel der Koordinationsstelle, die Informationen über invasive Neophyten zu verbreiten. Außerdem ist es wichtig, das Wissen über bisher nicht invasive fremde Pflanzen zu verbessern. Arten, wie etwa die Herbstaster breiten sich derzeit aus Gärten in die Natur aus. „Korina“ untersucht, welche Auswirkungen dieses Phänomen haben könnte.

Bei der Aufklärung und Untersuchung der Arten setzt Katrin Schneider auch auf die Hilfe moderner Technik: Noch in diesem Jahr soll eine Smartphone-App für die Erfassung und Bestimmung der Eindringlinge entwickelt werden, mit deren Hilfe Laien schnelle Aufklärung vor Ort erhalten sollen.

Das innovative Angebot von „Korina“ ist das einzige seiner Art in Deutschland. „Ich bin stolz, dass wir damit bundesweit eine Vorreiterrolle übernommen haben“, sagt Schneider. Damit das Projekt überhaupt an den Start gehen konnte, steuerte die EU aus ihrem Landwirtschaftsfond für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) rund 500.000 Euro bei. Schneider ist zufrieden: „Dadurch haben wir gute Bedingungen für unsere Forschungsarbeit. Und wir hoffen, dass unser Beispiel auch in anderen Bundesländern Schule macht.“