Schafe im Frost
"Aber ich kann sie noch nicht auf die Weide führen, weil bei der Kälte das Gras nicht wächst." Mit seiner Frau Christel hält Keller 140 Mutterschafe in Michelstadt-Rehbach, 400 Meter hoch im Odenwald. "Den letzten Ballen Silage habe ich Ende März verfüttert, nun muss ich Heu zukaufen", berichtet der 54-Jährige. Im EU-Flächenprämiensystem kommen Schäfer nicht vor, selbst wenn mal kein Gras wächst.

Mit seiner Nebentätigkeit als Autoverkäufer bessert Keller das Familieneinkommen auf, seine Frau verkauft außerdem Lammfleisch. In dem kleinen Hofladen liegen Koteletts, Haxen oder Schulter bereit und natürlich Keule, die hier entbeint nur 17 Euro pro Kilo kostet. "Wir halten Schwarzköpfige Fleischschafe", erzählt Christel Keller. "Die Rasse kommt eigentlich von den Britischen Inseln." Für den Eigenbedarf lässt die Michelstädterin auch vier Ostfriesische Milchschafe auf dem Hof wohnen, die sie zweimal am Tag melkt. Joghurt und Käse, selbst gemacht, reichen aber nur für die Familie.

Täglich Heu und Kräuter gehen für den Schäfer ins Geld

Solange die Tiere nicht weiden können, stehen sie auf reichlich Stroh in einem Stall außerhalb Rehbachs. Übers Jahr bringen die Mutterschafe bis zu 180 Lämmer zur Welt. Für die jungen Böckchen ist das Leben spätestens nach zwölf Monaten vorbei, die Mädels dürfen die Herde vergrößern oder werden an Züchter verkauft. "Im Stall ist es zugfrei, und es darf kalt werden", erläutert Keller. "Je natürlicher die Tiere gehalten werden, desto gesünder sind sie." Aber im Stall muss der Schafzüchter täglich Heu nachlegen und eine Kräutermischung zufüttern. Das Warten auf die Frühlingswärme kostet Geld.

Hat die Sonne die Kälte endlich vertrieben, können die Kellers ihre Schafe auf 21 Hektar überwiegend gepachtetes Weideland rund um Michelstadt führen. "Wenn ich die Rechnung aufmache, habe ich am Ende des Jahres für einen Stundenlohn von sieben bis acht Euro mit den Tieren gearbeitet", sagt der Michelstädter. "Ich kenne keinen Kollegen, der nicht Schäfer mit Leidenschaft ist. Allein fürs Geld macht es wohl niemand." Und doch, erzählt Keller, seien die Stunden viel zu selten, die er auf einer Bank am Waldrand verbringt, der Herde, den Hunden und dem Sonnenuntergang zuschaut.

Kampf um Pachtland

Das von den Kellers gepachtete Weideland gehört Bauern. "Aber ob und wie viel uns ein Landwirt von seinem Grund überlässt, entscheidet nur er", sagt der 54-Jährige. "Wenn ein Bauer mit den flächenbezogenen EU-Subventionen mehr verdient als durch eine Verpachtung, müssen die Schafe weichen." Oder die Kellers zahlen dem Landwirt mehr Geld. "Aber über meinen Stundenlohn haben wir ja schon gesprochen", sagt Keller sarkastisch.

Auf den kargen Böden des Odenwalds haben seine Bewohner jahrhundertelang auch mit und von den Schafen gelebt. Nicht nur Entscheidungen einer Brüsseler EU-Kommission, auch die veränderte Infrastruktur und eine oft durch Monokulturen verarmte Landschaft haben für Herden umherziehender Vierbeiner weniger Platz gelassen. "Aber egal", sagt Keller. "Wir freuen uns lieber darüber, dass immer mehr Gastwirte die Qualität unseres hormonfreien Lammfleischs aus artgerechter Haltung entdecken und dafür dann auch angemessen bezahlen."

Bis es warm wird, trainiert der Schäfer seine Hunde

Doch dieses Jahr wird es Mai werden, bevor die Kellers ihre Schafe auf die Weiden rund um Rehbach schicken können. Die Wochen bis dahin lassen sich nutzen. "Ich trainiere meine Hütehunde, die Border Collies", sagt Keller. Der einjährige El Rey hat noch nicht ganz ausgelernt. "Mein anderer, der Fynn, ist älter und sehr erfahren, aber jetzt taub", erzählt der Schäfer und muss lachen. "Der kann alles - wenn er hören würde, was ich von ihm will."