Blütenstaub im Winter
Doch wie kann das eigentlich sein - es ist ja noch alles kahl und keine Blüten sind zu sehen. Was blüht denn da und warum so früh?

"Die Blütezeit von Haselnuss und Erle beginnt oft schon Anfang Februar. Wenn es warm ist, geht es sogar noch deutlich früher los", sagt Thomas Stützel, Leiter des Lehrstuhls für Evolution und Biodiversität der Pflanzen an der Ruhr-Universität Bochum. Die Blüten dieser Pflanzen sehen allerdings nicht aus, wie das, was man gemeinhin als "Blumen" interpretieren würde: "Bei den männlichen Blüten von Haselnuss und Erle handelt es sich um die würstchenartigen Gebilde an den Zweigen. Sie geben den Blütenstaub ab. Die weiblichen Blüten sind dagegen sehr klein und nur bei sehr genauer Betrachtung erkennbar", erklärt Stützel.

Im Gegensatz zu den Blüten von Kirsche, Rose und Co. sollen diese unscheinbaren Versionen aber auch keine Insekten zur Bestäubung anlocken: "Der Blütenstaub wird bei Haselnuss, Erle und vielen anderen Pflanzen durch den Wind auf die Narben der weiblichen Blüten übertragen", sagt der Botaniker. Deshalb seien diese sogenannten windblütigen Pflanzen auch besonders aktive "Pollenschleudern". "Spezielle Bestandteile ihres Blütenstaubs machen sie zusätzlich zu starken Allergieauslösern", weiß Stützel.

Auch auf die Frage, warum manche Pflanzen bereits schon im Winter Blüten treiben, hat Stützel eine Erklärung parat: "Es sind keine Blätter im Weg, die behindern, dass der Pollen die weiblichen Blüten erreicht, und außerdem schwirrt kaum anderer Blütenstaub herum, der ihre Narben blockieren könnte." Ihre Klebkraft lässt bei zunehmender Verstaubung nämlich nach. "Das ist wie beim Tesafilm", verdeutlicht Stützel.

"Die ausgesprochen frühe Blüte der Haselnuss hängt vermutlich auch mit ihrer Geschichte zusammen", ergänzt der Evolutionsbiologe. Ursprünglich stamme die Haselnuss nämlich aus wärmeren Klimazonen. Erst in einer Warmzeit vor etwa 8.500 bis 7.500 Jahren breitete sie sich nach Norden aus. Diese Phase wird sogar als "Haselzeit" bezeichnet. "Die frühe Blütezeit hat die Haselnuss aus ihrer südlichen Urheimat mitgebracht und beibehalten, weil sie ihr auch im Norden Vorteile bot", erklärt Stützel.